Perfektion


Perfektion (lat. perfectio, «Vollendung», «Vollkommenheit», «Unfehlbarkeit») ist ebenso, wie Leistung und Erfolg, in unserem Sprachgebrauch in der Bedeutung positiv besetzt. Wer von uns wünscht sich nicht insgeheim den perfekten Partner oder den perfekten Job? Auf den ersten Blick treibt uns das Streben nach Perfektion an, unsere Talente und Fähigkeiten soweit zu optimieren, um in unserer Branche der oder die Beste zu sein. Deswegen ist Perfektion weder gut noch schlecht, entscheidend für uns selbst und unseren eigenen Wert ist jedoch die Motivation, warum wir das tun.

Einer der Gründe, warum Perfektion uns behindern kann ist die Angst, möglichst keine Fehler zu machen. Diese Furcht entsteht bereits sehr früh in unserem Leben und wird dann später durch die Schule nochmals in uns verankert. Ab einem gewissen Alter, und das werden die meisten von uns so erlebt haben, gaben uns unsere Eltern zu verstehen, dass Liebe nicht bedingungslos ist. Räumten wir zum Beispiel unser Zimmer nicht auf, konnten wir das sofort am Gesichtsausdruck unserer Mutter ablesen und wir merkten schnell, je besser und schöner wir unser Zimmer aufräumten, desto glücklicher sah Mama aus. Im Kindergarten und dann später in der Regel-Schule waren die Lehrer nicht an uns interessiert, sondern an unseren Leistungen, die wir erfüllen sollten. Dadurch wurden wir zum Objekt der Vorstellungen und Erwartungen unserer «Vorgesetzten».

Ich selbst war in der Grundschule eine sehr gute Schülerin und auch stolz auf meine Noten, doch wenn ich nur eine «zwei» nach Hause brachte, wurde seitens meiner Eltern angemerkt, dass es eben auch «Einser»-Schüler gab, die noch weniger Fehler machten. Heute ist mir zwar klar, dass meine Eltern mich dadurch motivieren wollten, bewirkt haben sie damit aber genau das Gegenteil. Ich hatte das Gefühl, nie gut genug zu sein und fürchtete mich immer mehr davor, Fehler zu machen. Ich hatte Angst vor der Beurteilung, fühlte mich unzulänglich und wurde später dadurch sehr selbstkritisch, und das im negativen Sinne. Im Gymnasium ging es mit meinen «Leistungen» dann kontinuierlich bergab, weil ich keinen Sinn mehr darin sah, etwas anzustreben, was ich sowieso nie erreichen würde.

Wir werden in dieses Bewertungssystem hinein gezwungen, indem wir von anderen zum Objekt degradiert werden und uns im Gegenzug selbst zum Objekt unserer eigenen Bewertungen machen. Wir sind uns dann nicht gut genug, nicht schön genug, nicht sportlich genug, nicht intelligent genug und so weiter. Unser momentanes dreigliedriges Schulsystem gibt uns schon recht früh zu verstehen, wo wir uns einzuordnen haben. Auch in Firmen, die noch nach hierarchischem Modell funktionieren, werden die Mitarbeiter zu Objekten der Vorstellungen und Erwartungen ihrer Chefs, die den grösstmöglichen Nutzen aus ihren Angestellten ziehen wollen. Man könnte das auch mit einem hochkultivierten Getreidefeld vergleichen, perfekt, optimiert und effizient, sofern alle Bedingungen konstant bleiben, aber schnell am Ende, sobald sich etwas ändert.

Als Menschen müssen wir Fehler machen. Eine Lehrerin, die ich sehr mochte, schrieb damals in mein Poesie-Album «Fehler sind Stufen, auf denen der Kluge emporsteigt». Uns Fehler zu erlauben eröffnet uns einen Möglichkeitsraum, flexibel zu lernen und zu wachsen.

Ein Kleinkind empfindet keinerlei Angst einen Fehler zu machen, sonst würde es nie laufen lernen. Ganz im Gegenteil, es muss zwingend hinfallen und immer wieder aufstehen, um für sich so das ideale Gleichgewicht zu trainieren. Auch schreibt es sich keinen Drei-Jahres-Plan, nur um Fahrrad fahren zu lernen. Perfektions-Menschen planen sehr viel, weil es ihnen die scheinbare Kontrolle gibt, möglichst wenig Fehler zu begehen. So sind wir jedoch nicht auf die Welt gekommen. Wenn wir aus der Freude und Begeisterung heraus zum Beispiel an ein Projekt herangehen, kann Perfektion durchaus unterstützend sein. Wir sind dann wie Kinder, die unbedingt den höchsten Turm bauen wollen und beim Zusammenbruch einfach wieder von vorne anfangen, bis wir vielleicht irgendwann die Lust verlieren.

Unser eigener Wert steigt und fällt eins zu eins mit unserem Streben nach Perfektion. Je höher unser Anspruch an uns selbst ist, desto mehr beurteilen wir uns und machen uns damit klein. Es wird immer andere Menschen geben, die etwas besser können als wir. Die meisten von uns glauben immer noch, dass wir nur einzigartig sind, wenn wir etwas können, was sonst kein anderer kann. Jede Eigenschaft von uns, die wir mit Liebe und Freude zum Ausdruck bringen, ist eine Besonderheit und in sich ganz und gar wertvoll. Jeder Mensch, auch wenn er neutral betrachtet genau das Gleiche wie ein anderer tut, drückt dies doch in seiner ganz eigenen und speziellen Art und Weise aus. Durch die Wertschätzung der eigenen einzigartigen Fähigkeiten entfällt das konkurrierende Vergleichen mit anderen und damit auch das Bedürfnis nach Perfektion. Unseren eigenen Wert finden wir dort, wo wir in Liebe und Vertrauen unsere Einzigartigkeit annehmen und zum Ausdruck bringen können.

Das Streben nach Vollkommenheit macht manche Menschen vollkommen unerträglich.
Pearl S. Buck

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