Kindliches Ego versus erwachsenes Ego


Das Ego hat sowohl in den Konfessionen als auch in den heutigen Gesellschaften einen schweren Stand. Sein schlechter Ruf eilt ihm voraus und wird mit Eigenschaften wie «prahlen», «nur an sich denken», «selbstverliebt sein», «sich etwas einbilden» und «über Leichen gehen» assoziiert. Egoisten leiden an zwanghafter Nabelschau, sie heischen um Anerkennung und Bewunderung und stellen sich permanent in den Mittelpunkt. Es wird also höchste Zeit, dieses lästige Übel abzuschaffen.

Der Begriff des «Ego» stammt aus dem Lateinischen und bedeutet zunächst einmal nur «ich». Über das Ich lernen Kinder, sich von anderen Menschen abzugrenzen, eine wichtige Funktion, um sich selbst als eigenständige Individuen wahrzunehmen. Das Ego ermöglicht uns so ein Raum-Zeit-Erleben, durch das wir überhaupt erst in der Lage sind, die Materie zu begreifen. Ohne das Ich könnten wir uns nicht von anderen Menschen unterscheiden, wir hätten keine Vorlieben, keinen persönlichen Geschmack und keine einzigartigen Fähigkeiten. Durch dieses «Bewerten» erfahren wir sowohl Begeisterung als auch Ablehnung und sind fähig, Intensität wahrzunehmen und gleichzeitig die Dinge immer wieder neu zu betrachten und zu er-«leben».

Das Ego liebt es, Ziele zu haben und diese zu verwirklichen. Dazu stellt es uns Energie in Form von Motivation und Tatendrang zur Verfügung, damit wir unsere schöpferischen Impulse umsetzen und diese dadurch in der dreidimensionalen Welt für andere sichtbar werden. Allerdings ist das Ego auch gerne mal unzufrieden, wenn es klein ist, möchte es gross sein und wenn es alt ist, möchte es wieder jung sein, aber einen reifen Geist haben. Es funktioniert als Barometer all dessen, was uns gefällt und nicht gefällt, dazu bewegt es sich neugierig durch die Welt, ist vielseitig interessiert und kommentiert alles.

Kinder lieben ihr Ich und sind aus dieser Sichtweise heraus betrachtet wahre Schöpfer. Sie sind so begeistert von sich selbst, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass andere sie nicht toll finden könnten. Ich habe einmal einen gestandenen Schauspieler sagen hören, dass man als Erwachsener schon verloren hat, wenn man mit einem Kind auf der Bühne steht. Ohne überhaupt etwas dafür zu tun haben Kinder eine wunderbar natürliche Ausstrahlung, mit welcher kein noch so guter Schauspieler mithalten kann. Allerdings übertreiben sie es in den Augen der Erwachsenen gerne ein bisschen, weshalb wir als Eltern frühzeitig dafür sorgen, dass aus unseren Kindern möglichst unscheinbare, «soziale» Wesen werden, die alles mit anderen Kindern teilen und keine Besitzansprüche stellen. Doch selbst wenn wir ihnen in allem freien Ausdruck gewähren, werden sie spätestens beim Eintritt in die Schule lernen, dass es Aufmerksamkeit und Anerkennung nur noch gegen Leistung und bei Befolgen der Regeln gibt. Der Ausdruck ihrer Individualität und Besonderheit ist hier nicht mehr gefragt. An dieser Stelle darfst du gerne einmal für dich überprüfen, ob deine Erziehung deine Individualität gefördert hat oder ob du eher lernen musstest, was alles verboten ist.

Das Ego scheint also, zumindest aus der Sicht der Kinder betrachtet, eine sinnvolle Instanz zu sein. Es erinnert uns immer wieder an uns selbst und an unsere Besonderheit und Einzigartigkeit. Durch seine starke und manchmal auch penetrante Präsenz versucht es uns immer wieder in die Ich-Kraft zu bringen.

Warum haben nun so viele Menschen ein Problem mit ihrem Ego? Das Ego ist ein Einzelgänger und steht in direktem Konflikt mit der «Masse». Wenn wir dazugehören wollen verlangt unsere soziale Gemeinschaft, dass wir uns anpassen, ansonsten droht uns Ausgrenzung und Isolation. Instinktiv wissen wir, dass wir dazugehören, wenn wir den anderen ähnlich sind. Hierfür machen wir uns die Ideale und die Verhaltensmuster einer Gruppe oder Familie zu eigen, um unsere Rolle zu erfüllen. Je mehr wir jedoch versuchen, äusseren Erwartungen zu entsprechen, desto weniger sind wir gefordert, selbst etwas zu erschaffen. Unser Ego leidet darunter, denn es mutiert zum Erfüllungsgehilfen ohne persönlichen Ausdruck. Wir wollen uns zwar selbst verwirklichen, haben aber Angst, aus dem Rahmen zu fallen und unsere Zugehörigkeit und Akzeptanz zu verlieren.

Das Ego will einfach sein Ding machen und zeigen, dass es etwas drauf hat. Stattdessen wird es in die Schranken verwiesen und muss lernen, was es alles nicht darf. Der hohe Energieaufwand, den wir daran setzen das Ego zu beschwichtigen, erzeugt eine innere Leere. Wir fragen uns dann: »Warum sieht mich denn keiner?«, oder «soll das alles gewesen sein?». Es weckt in uns ein Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit, was wir ohne die Verdrängung des Egos nicht hätten. Dürfte dieses nämlich zum Zuge kommen, wären wir der oder die Beste, die wir sein können. Indem wir das Ego jedoch unter Druck setzen entsteht Konkurrenz, wir setzen andere herab, um selbst gut dazustehen. Kollektiv gesehen sind die Großen und Mächtigen unsere Vorbilder, weil sie es «geschafft» haben. Bei der Umsetzung unserer Ziele neigen wir dazu, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, wo ein übermächtiger Wille regiert und versucht Einfluss zu nehmen. Dadurch werden wir hart gegenüber uns selbst und wirken auf andere egoistisch im negativen Sinne. Das Ego setzt jedoch nur um, was der Kopf ihm in Form von Bildern, Werten und Idealen serviert. Unsere Vorstellungen des Machbaren sind zum Teil so übermächtig, dass sie aufgrund unseres starken Eigenwillens oft zu Misserfolgen führen. Wir werden dem Leben gegenüber unflexibel und sind wenig bereit, zu lernen und verantwortungsvoll zu handeln. Von unserer Art her reagieren wir mit Ungeduld oder neigen zu überschiessenden Reaktionen. Der Kampf ums Überleben bestimmt unseren anstrengenden Alltag. Was uns dabei jedoch verloren geht ist die Liebe, die Freude und vor allem die Leichtigkeit.

Der Ruf des Ego ist leider so schlecht, dass viele religiös und spirituell orientierten Menschen es als höchstes Ziel ansehen, das Ego abzulegen. Das Ego darf sich nicht mehr an materiellen Dingen erfreuen, sondern soll sich mit geistigen Belangen beschäftigen. Wir vermeiden dann zu sagen: »Ich habe ein größeres Haus« und sagen stattdessen: »Ich habe eine höhere Schwingung« oder »Ich bin eine alte Seele«. Manchmal kompensieren wir das Verlangen des Ego nach Besitz durch die recht beliebte «noble» Anspruchslosigkeit. Die Stimme des Ego lässt sich aber nicht so einfach unterdrücken, denn oftmals melden sich dann Gefühle wie Neid und Missgunst zu Wort, die uns daran erinnern wollen, dass wir es uns einfach mal besser gehen lassen sollten. Auch wird empfohlen, das Ego in Watte zu verpacken und durch das spirituellere »Selbst« oder das »Wesen« zu ersetzen. Es wird gerne als «unreif» bezeichnet und ihm das »Ich zum Wir« als Entwicklungsweg offeriert. Auch soll das Ego der Öffnung unseres Herzens im Weg stehen und sich am besten von selbst auflösen.

Das Ego loswerden zu wollen, ist ein schwieriger Prozess. Dies merken wir spätestens dann, wenn wir als Frau in die Wechseljahre kommen. Unser halbes Leben lang waren wir für Kinder und Familie da, haben unsere persönlichen Ideen und Wünsche immer hintenan gestellt und starten nun einen Rundumschlag. Als Mann erging es uns vielleicht ähnlich, wir dienten unserer Firma und haben uns hochgearbeitet, um Frau und Kinder angemessen versorgen zu können. Um die fünfzig bekommen wir dann die Quittung, wenn die Kinder aus dem Haus sind, die Frau sich scheiden lässt und wir dann erst recht noch einmal richtig Gas geben wollen. Diese Reaktionen sind der Befreiungsschlag eines Egos, welches jahrelang unterdrückt wurde. Was dabei herauskommt, ist erst einmal Egozentrik ohne Rücksicht auf Verluste. Das Ego wird sich seinen Weg suchen, egal wie wir es versuchen zu kontrollieren. Wir sollten es deshalb nicht als Kampfgegner sehen, sondern solidarisch mit ihm zusammenarbeiten.

Für uns als Erwachsene geht es darum, das Ego nicht zu verdrängen oder abzuwerten, sondern es zu transformieren, und zwar in das, was es einmal war. Ein unterdrücktes Ego ist immer auch ein genervtes Ego, was wir dann bei sogenannten «Egoisten» als übersteigertes Ego wahrnehmen. Aus einem unterdrückten Ego heraus reagieren wir nur, aber wir erschaffen nichts. Wir lassen uns deswegen auch gerne auf Egospiele ein, wo wir lediglich mit anderen mitspielen, wer besser, schöner, schneller, reicher, sozialer oder spiritueller ist. Der eigene Wert wird durch ein verdrängtes Ego in Mitleidenschaft gezogen, einfach weil wir kein Ventil mehr besitzen, um unserer wunderbaren Individualität Ausdruck zu verleihen. Wir setzen uns dann als Rettungsanker eine Maske auf und spielen bei anderen Spielen so lange mit, bis wir irgendwann aufwachen und uns wieder an uns selbst erinnern, wer wir in Wirklichkeit sind.

Jeder Mensch hat das natürliche Bedürfnis zu zeigen, was er kann. Trauen wir uns also wieder, gross zu denken und wie ein Kind darüber zu visionieren, wie wir gerne wären und wie wir uns gerne ausdrücken würden. In dem Moment, wo wir uns wieder erlauben uns grossartig zu fühlen, wirkt dies wie ein Geschenk, welches wir uns selbst machen. Wir sprechen dann anderen Menschen Komplimente aus, weil wir uns so wundervoll fühlen und dies auch in unserem Gegenüber erkennen. Unser befreites Ego beziehen wir mit ein, indem wir uns zum Beispiel in etwas verlieben, was wir gerne tun möchten. Die Freude, die dabei entsteht, wird wie bei Kindern nach außen strahlen und andere berühren und inspirieren. Dadurch wirken wir auf Menschen mehr und mehr authentisch und unsere Bedürfnis nach Publikum schwindet. Wir entwickeln aus unserer neuen Freiheit heraus eine spielerische Kreativität, die wir mittels unseres souveränen Ichs praktisch in die Tat umsetzen. Unsere natürlichen Begabungen und Talente setzen wir ein, um in unserem Umfeld der «erste Diener unseres Staates» zu sein und anderen damit zu zeigen, dass sie es genauso gut können, wie wir selbst.

Unsere zufriedenes Ego lässt uns der oder die Beste sein, die wir sein können. Anstatt nur unser Image zu polieren, fördern wir so unsere Selbstwahrnehmung und damit unsere Ehrlichkeit uns selbst gegenüber. Indem wir uns wieder mit unsere innere Kraft verbinden, handeln wir nicht mehr ausschließlich impulsiv, sondern ganz bewusst. Mit einer kindlichen Neugierde, Leichtigkeit und Unbeschwertheit erzielen wir dann mit einem Minimum an Energie ein Maximum an Erfolg.

Übung:

Gehe in dem Raum, indem du dich gerade befindest, langsam umher und nimm ganz bewusst dein kindliches «Ich» wahr. Wie fühlt sich das an? Und nun nimm dein erwachsenes «Ich» wahr. Fühlt sich das genau so an? Wenn nein, was spürst du?

Wenn du einen grossen Unterschied zwischen deinem kindlichen und deinem erwachsenen «Ich» wahrnimmst, kannst du davon ausgehen, dass dein Ego dir nicht in seiner vollen Kraft zur Verfügung steht. Falls du Wut oder Frustration verspürst, stellt dein Körper dir direkt Energie zur Verfügung, um etwas zu bewegen oder in diesem Fall, wieder mehr Ich-Kraft zuzulassen. Nimmst du Traurigkeit wahr, ist es wahrscheinlich, dass du dein kindliches, verspieltes Ego vermisst und du dies bedauerst. In beiden Fällen kannst du dein kindliches Ich wieder mehr in dein Leben einladen, indem du zum Beispiel mehr spielst, dir etwas gönnst, dich verliebst oder etwas tust, was dir ganz bewusst Freude macht. In einem späteren Kapitel werden wir uns noch anschauen, wie wir das gesunde Ego ganz physisch im Körper aktivieren können.

Ein zufriedenes Ego sagt: Ich möchte der Beste sein, der ich sein kann
Ein unzufriedenes Ego sagt: Ich möchte besser sein als die anderen

Anouk Claes

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