Höher, schneller, intelligenter – geistige Minderwertigkeit


Die meisten Menschen, die man zum Thema Intelligenz befragt, halten sich selbst für nicht besonders intelligent. Warum ist das so? Schliesslich sind wir doch alle in die Schule gegangen, haben jahrelang gepaukt und vielleicht sogar noch studiert. Trotzdem wollen wir weiter lernen und uns weiterbilden, weil uns das Gefühl nicht loslässt, dass es eine Menge Dinge gibt, die wir noch nicht wissen. Dieser Wissensdrang scheint uns wie eine Urkraft geistig anzutreiben.

Kinder haben von Anfang an einen kontinuierlichen Wissensdurst, der ihnen hilft, ihr Gehirn zu entwickeln und neuronale Netzwerke zu bilden. Sie lieben es, Dinge auszuprobieren und selbstständig Lösungen zu entwickeln. Mit Begeisterung räumen sie immer wieder den Küchenschrank aus, bauen Instrumente, experimentieren mit Klängen und Farben und setzen dabei mit Freude das Badezimmer unter Wasser. Allerdings hält dieser spielerische Neugierde meist nur bis zum ersten Schultag an. Von nun an müssen sie lernen, Wissen nach einem Lehrplan zu konsumieren, statt es selbst zu produzieren. Diese Vorgehensweise hat sich für unsere Gehirnentwicklung als äusserst ungünstig erwiesen. Unser Gehirn wächst nämlich nicht durch Anstrengung und Konzentration, sondern durch Begeisterung. Das ist sozusagen der Dünger, mit dessen Hilfe wir wachsen und durch den wir lernen unsere Potentiale zu entfalten. Der Hirnforscher Prof. Gerald Hüther hat sehr viel zu diesem Thema veröffentlicht. Seine Arbeiten und Vorträge kann ich an dieser Stelle sehr empfehlen.

Konzentration ist, einmal ganz neutral betrachtet, für präzises Arbeiten recht nützlich, für das Lernen jedoch kontraproduktiv. «Jetzt konzentriere dich mal!» mussten wir uns anhören, wenn wir als Kinder unsere Hausaufgaben erledigen sollten. Konzentration bedeutet in dem Fall, sich wiederholt mit etwas zu beschäftigen, auf das man eigentlich keine Lust hat.

Moritz Neubronner ging als als ganz «normaler» Durchschnittsschüler in seinem Leben nur zwei Jahre in die Grundschule und für ein paar Monate in die 10. Klasse. Er erlangte dort seine Mittlere Reife mit 1,4 und bereitete sich danach auf’s Abitur vor, das er ohne Probleme bestand. Studien zu Abiturienten haben ergeben, dass bei den meisten Absolventen bereits nach zwei Jahren nur noch zehn Prozent des gelernten Wissens zur Verfügung stand. Trotzdem dient das Schulwissen heute immer noch als Maßstab für Intelligenz, zumindest im Wertesystem der althergebrachten Arbeitswelt. Unser Intelligenzgrad bestimmt, für welche Art von Arbeit wir uns qualifizieren. Dementsprechend werden «Jobs» auf- oder abgewertet, und zwar in niederqualifizierte und höherqualifizierte Tätigkeiten.

Was macht das mit uns? Wir bekommen das Gefühl, dass wir niemals alles wissen können und deshalb immer auf «Spezialisten» angewiesen sind, die uns schlauer machen sollen. Wir nehmen freiwillig eine geistige Minderwertigkeit an und schenken sogenannte Experten unser absolutes Vertrauen. In den Mainstream-Medien wird für fast jedes Ereignis ein Sachkundiger auf den Plan gerufen, um uns mit seinem Fachwissen aufzuklären. Auf unsere Fragen bekommen wir durch die Medien jedoch meist Antworten, die letztlich nur deren Ansichten sind. Um einen Sachverhalt umfassend zu beleuchten braucht es immer mehrere solcher Fach-Beauftragten.

Das Fernsehen galt lange Zeit als Ratgeber für alle Lebenslagen und wird nun vom Internet abgelöst. Wikipedia fungiert als neues Lexikon, lenkt uns aber ebenso in eine Richtung, weil niemand so recht weiss, wer dort eigentlich schreibt und vor allem, wer zensiert. Doch das Internet hat auch seine guten Seiten. Es bietet heute jedem vielfältige Möglichkeiten, die eigene Expertise über verschiedene Kanäle anderen öffentlich zugänglich zu machen. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal an der Nähmaschine sass und fast verzweifelt bin, weil ich den Reissverschluss nicht in den Rock genäht bekam. Nach zwei kurzen Tutorials auf Youtube hatte ich ihn nach fünf Minuten perfekt eingenäht.

Für viele Menschen stellt das Internet eine echte Herausforderung dar. Das Angebot an Meinungen, Ansichten und angeblichen Fakten ist so umfangreich und kontrovers, dass wir nicht mehr wissen, was oder wem wir letztlich glauben können. Viele partizipieren an dieser Entwicklung, denn die Zeit der «Wissensfütterung» ist abgelaufen. Durch die Fülle an Wissens-Angeboten sind wir gefordert, mit allem, was wir hören oder sehen, einen inneren Abgleich zu vollziehen, ob das Gelesene oder Gehörte uns dienlich ist oder nicht. In dem Moment, wo wir es für uns annehmen, ist es für uns die Wahrheit. Wahrheit kann immer nur im Augenblick entstehen. Die meisten Menschen leben jedoch in der Vergangenheit und denken, dass Wahrheit dadurch entsteht, dass die Vergangenheit ein Präsenz hat.

Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Vor 1990 haben alle Einwohner der ehemaligen DDR die Mauer bzw. die Grenze nach Westdeutschland als absolute Präsenz angesehen und daraus gefolgert, dass sie niemals in den Westen reisen werden. Nach dem Mauerfall 1990 wurde diese Wahrheit komplett ungültig und seitdem erwarten die selben Menschen, dass sie zukünftig immer in den Westen reisen können. Ganz abstrakt betrachtet, wenn auch sehr unwahrscheinlich, könnte es irgendwann vielleicht wieder eine Grenze geben. Welche Wahrheit ist dann «wahr»? Wahrheit ist also ein «laufendes Element», das immer wieder neu definiert wird. Die Wahrheit entsteht immer im Augenblick, weil sie nur im Augenblick auch gelebt werden kann. Das heisst, wenn wir uns in der Wahrheit bewegen wollen, dann funktioniert das nur, wenn wir ganz im Hier und Jetzt präsent sind. Auf der geistigen Ebene wären wir dann, ganz einfach ausgedrückt, «wach».

Das Gefühl, geistig minderwertig zu sein, basiert auf dem Vergleich mit anderen. Das Resultat daraus ist eine Deprimiertheit, weil wir beim Vergleichen zwangsläufig immer schlechter abschneiden und uns damit selbst richten. Unseren Selbstwert an Intelligenz, beziehungsweise an Wissen zu koppeln wird uns lähmen, weil wir uns damit klein «denken» und neue Dinge erst gar nicht in Angriff nehmen. Wir können diesem Glaubensmuster jedoch ganz einfach begegnen, indem wir mutiger werden und nicht mehr alles, was uns präsentiert wird als Wahrheit annehmen. Wir stärken dadurch das Vertrauen in unsere Intuition, unser inneres Wissen und in die Stimme unseres Herzens 💛

Wenn alle Experten sich einig sind, ist Vorsicht geboten.
Betrand Russell

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