Gedanken – den Verstand in die zweite Reihe schicken

Der Verstand hat genau wie das Ego nicht gerade den leichtesten Stand. Mit Worten wie «Gedanken erschaffen deine Realität», «Gedankenhygiene» und «positiv denken» machen wir uns das Leben eher schwer anstatt leicht. Sind Gedanken wirklich so mächtig oder können andere Gedanken uns sogar beeinflussen?


Geist und Verstand

Verstand und Gedanken sind das Sprachrohr des Geistes. Man kann sich das etwa so vorstellen wie bei Google. Wenn wir bei Google eine Suchanfrage eingeben, erscheint die Information auf unserem Bildschirm. Doch wo war die Information vorher? Unser Geist funktioniert so ähnlich. Wir haben eine Eingebung oder eine Idee, welche wir spontan wahrnehmen, wissen aber nicht, woher diese Information stammt. Über unsere Gedanken wird diese Information dann «sichtbar». Der Verstand hat dabei die Funktion, die Informationen zu kategorisieren und mit bereits vorhandenem Wissen abzugleichen. Das eigentliche «Denken» läuft in Form von Ideen, Vorstellungen und Inspirationen über den Geist, also über unsere intuitive Wahrnehmung. Dazu benutzen wir im Physischen unser «Bauchgefühl». Die moderne Wissenschaft hat dies auch bereits erkannt und bezeichnet den Darm aufgrund seiner hohen Nervendichte als zweites Gehirn. Darm und Gehirn stehen in ständigem Austausch miteinander, wobei der Kopf die Eingebungen sortiert, verbindet, bewertet und beurteilt.

Gedanken bewerten

Gedanken bestehen zunächst einmal nur aus neutralen Informationen. Um einen persönlichen Bezug herzustellen, benutzen wir die Gedanken, um Dinge und Sachverhalte zu bewerten. Beispiel: Wir sitzen in einem Café mit einer Bilderausstellung und entdecken ein Bild, welches uns spontan anspricht. Wir denken dann zum Beispiel: «Oh, was ein schönes Bild mit herrlichen Farben, das möchte ich haben». Oder umgekehrt: «Dieses Bild spricht mich ja gar nicht an». Bewertungen sind wichtig, um unserem persönlichen Geschmack in der physischen Welt Ausdruck zu verleihen, deshalb schließt das Bewerten auch negative Gedanken immer mit ein. Allerdings neigen wir dazu, auch unsere Gedanken zu bewerten. Wir teilen sie dann in positive und negative Gedanken ein, also was man denken darf und was nicht. Negative Gedanken über uns selbst gelten als schlecht, weil sie uns an uns zweifeln lassen und uns angeblich nicht gut tun. Viele Menschen betreiben deshalb Gedankenhygiene. Sobald ein negativer Gedanke erscheint, wird er sofort durch einen positiven Gedanken ersetzt. Nach dem neuesten Stand der Hirnforschung ist nur positiv denken wollen eigentlich unmöglich. Unser Kopf-Gehirn verlangt danach, dass wir vergleichen, weil es nur so ununterbrochen zuordnen, klassifizieren und lernen kann.

Die Kunst des negativen Denkens

Negatives Denken ist ein kritisches Denken und erfordert eine präzise Art des Beurteilens und Bewertens. Wir drücken damit unsere Unzufriedenheit aus und stellen Sachverhalte in Frage. Ohne kritisches Denken wären wir heute in unserer Entwicklung nicht da, wo wir sind. Es waren die «Negativ-Denker», die Bestehendes immer wieder hinterfragt und angezweifelt haben. Kritisches und negatives Denken sind deshalb nach wie vor wichtig, um Missstände aufzuzeigen und Gegebenes in Frage zu stellen, anstatt alles gottgegeben hinzunehmen.

Betrachten wir Gedanken mit der Yin/Yang Symbolik, so beinhaltet jeder negative Gedanke auch etwas Positives und umgekehrt. Jeder Unternehmer weiss das und nutzt das kritische Denken, um Fehlern im Vorfeld zu begegnen und Projekte auf sichere Füsse zu stellen. Auf der persönlichen Ebene helfen uns negative Gedanken Zustände zu analysieren und Gefahren rechtzeitig zu erkennen.

Menschen, die chronisch negativ denken, empfinden oft eine große Befriedigung und Genugtuung im Kritisieren. Aus einer übergeordneten, geistigen Perspektive betrachtet erscheint das völlig in Ordnung, denn niemand macht etwas, was er eigentlich nicht will. Als Negativ-Denker haben wir das negative Denken als momentanes Lebenskonzept gewählt. Wir tun dies so lange, bis wir irgendwann die Freude daran verlieren und dann Dinge entdecken, die uns mehr Erfüllung bereiten.

Manchmal blockieren wir uns selbst über negatives Denken in unserem Verstand. In unseren Gedanken kreisen dann Sätze wie «Das kann einfach nicht sein» – «Das glaube ich einfach nicht» oder «Mir kann niemand helfen». Genau genommen handelt es sich hierbei nicht um negatives Denken, sondern um Glaubenssätze.

Glaubensstrukturen

Glaubensmuster entstehen entweder durch eigene Erfahrungen oder Bewertungen, die wir von anderen übernommen haben. Eine typische Glaubensstruktur ist zum Beispiel, dass Feuer heiß ist und man sich daran verbrennen kann oder dass wir uns erkälten, wenn wir uns zu lange im Kalten aufhalten. Manche Glaubensmuster sind uns dienlich, andere wiederum können unser Leben sehr einengen. Albert Einstein soll einmal gesagt haben: «Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern, als ein Atom». Glaubensstrukturen können sich als sehr hartnäckig erweisen und haben zudem die Eigenschaft sich zu tarnen, sodass wir sie noch nicht einmal als solche erkennen.

In unserer Gesellschaft finden sich viele «kollektive» Glaubensstrukturen, also Werte und Muster, die nicht aus unseren eigenen Erfahrungen stammen. Sie beinhalten die Botschaft, dass man sich nach bestimmten Regeln verhalten soll, damit sich dementsprechende Ergebnisse einstellen. Alle religiösen, gesellschaftlichen und moralischen Vorgaben und Leitbilder sowie einige spirituelle Ansätze fallen in diese Kategorie.

Betrachten wir unser Leben einmal ganz «neutral», werden wir schnell feststellen, dass es von Glaubensmustern durchsetzt ist. Alle Konfessionen bauen auf Glaubensstrukturen auf, aber auch die Wissenschaften. Man könnte auch sagen, alles, was wir nicht selbst als «Wahrheit» verifiziert haben, glauben wir nur. Deshalb sollten wir unsere Glaubenssätze regelmässig auf ihre Gültigkeit und ihren Nutzen überprüfen, ob sie uns wirklich dienlich sind oder ob sie uns eher einengen und Probleme bereiten. Für uns gilt die Weisheit des Buddha, nachdem er über achtzig dicke Bücher geschrieben hatte: «Nun geht und glaubt mir nichts, sondern überprüft alles!»

Haben wir also das Gefühl, dass wir uns blockiert oder unfrei fühlen, können wir zunächst nachforschen, ob ein Glaubensmuster dahinter steckt. Ein solcher Glaubenssatz wäre zum Beispiel: «Wir müssen arbeiten, um zu leben». Diese Glaubensstruktur hat möglicherweise eine Berechtigung, besitzt aber noch lange keine Allgemeingültigkeit. Indem wir uns dies vergegenwärtigen, werden wir bereits geistig freier, was unser Leben ungemein bereichern kann.

Gedanken und Emotionen

Gedanken und Emotionen sind eng miteinander verknüpft. Wenn wir uns zum Beispiel unglücklich fühlen, wird unser Verstand die passenden Gedanken dazu kreieren. Warum ist das so?

Die meisten Menschen sind nicht fähig, einen emotionalen Zustand aus sich selbst heraus zu verändern. Wir brauchen dann einen Grund oder eine Erklärung, welche wie ein Link funktionieren, um wieder Zugang zu einer Emotion zu erlangen. Wenn wir also wütend sind, wird es uns ungemein helfen zu wissen warum. Wir können dann die Wut-Energie, die uns der physische Körper zur Verfügung stellt als Kraft benutzen, um ein Problem konkret anzugehen. Wenn wir traurig sind, weil uns vielleicht jemand verlassen hat, dann erklären uns unsere negativen Gedanken, warum wir traurig sind. Sie bewahren uns davor, in der Trauer völlig hilflos zu ertrinken. Ein Gedanke ist immer erst einmal neutral. Du kannst das für dich selbst testen, indem du zum Beispiel denkst «ich bin unglücklich» oder «die Welt ist so schlecht». Der Gedanke für sich allein wird gar nichts bewegen, solange du ihn nicht mit einer Emotion «auflädst».

Manchmal verdrängen wir unsere Emotionen, weil unser Verstand versucht uns zu suggerieren, dass diese schlecht sind. Genau genommen handelt es sich hierbei um Glaubensstrukturen, welche uns vorgeben, wie oder was wir empfinden dürfen. Unser Kopf entscheidet, welche Emotionen wir zulassen und welche nicht. Wir sagen dann, der Verstand regiert über das Herz. Um dieser Situation zu begegnen ist es nützlich, Gedanken und Emotionen so gut es geht zu trennen. Unser Verstand darf also durchaus «kommentieren», dass wir nicht wütend oder traurig sein wollen, während wir gleichzeitig die Emotion zulassen und die Energie bewusst spüren. Beide Formen der Wahrnehmung können nebeneinander existieren, auch wenn sie sich scheinbar widersprechen. Indem wir dies zulassen, vermeiden wir einen inneren Kampf und bleiben in unserer Kraft.

Gedanken und Realität

Können uns fremde Gedanken beeinflussen oder uns sogar programmieren? Wenn dem tatsächlich so wäre, könnte man sich vor vermeintlich negativen Einflüssen kaum retten. Das Übertragen von Informationen und Gedanken funktioniert nach dem Sender- und Empfänger-Prinzip. Beeinflusst wird man nur, wenn man seinen Fokus darauf richtet und seine Antennen auf Empfang stellt. Wollen wir das vermeiden, können wir energetisch oder mental einfach auf Durchzug schalten, indem wir über die Gedanken anderer nicht nachdenken. Negative Gedanken von anderen tun uns nichts. Wenn wir jedoch unsere eigenen negativen Gedanken als schlecht beurteilen und ablehnen kann es durchaus sein, dass sie sich in anderen Menschen spiegeln und wir das wahrnehmen. Wir glauben dann zu spüren, dass der andere schlecht über uns denkt. Denken wir selbst gut über uns und bewerten unsere Gedanken nicht, werden andere Gedanken keinerlei Chance haben, uns zu «beeinflussen».

Erschaffen nun unsere Gedanken unsere Realität? Sieht es deshalb in der Welt so schlecht aus, weil die meisten Menschen so «negativ» denken? Aus der Sicht des Geistes steht uns diese Sichtweise gleichwertig neben allen anderen zur Verfügung und es gibt viele Menschen, die damit gute Resultate für sich erzielen. Wenn wir diese Ansicht jedoch als übermächtig betrachten, werden wir unweigerlich Angst vor unseren Gedanken bekommen. Wir glauben dann, wir müssten alle negativen Gedanken sofort unter Kontrolle bringen oder in positive Gedanken transformieren, damit wir nichts «Schlechtes» manifestieren. Aber auch der umgekehrte Fall erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Menschen, die hauptsächlich aus dem Verstand heraus leben, versuchen mittels Affirmations-Akrobatik Wünsche zu verbalisieren und damit Dinge in ihr Leben zu ziehen. Sie vergessen dabei jedoch, ihre Wünsche mit Emotionen wie Liebe oder Vorfreude zu synchronisieren. Diese Verbindungen sind deshalb so wichtig, weil sie in unserem Gehirn die emotionalen Zentren aktivieren und sich dadurch wichtige Verknüpfungen bilden. Unser Gehirn «merkt» sich diese Verbindungen und wird geistige Signale aussenden, die dazu führen, dass sich Dinge überhaupt erst manifestieren können.

Bei Kindern ist fast jeder Gedanke emotional aufgeladen. Aus dieser Sichtweise heraus sind sie wahre Schöpfer und wenn wir genauer hinschauen, erschaffen Kinder sich meist alles, was sie sich vorstellen. Wünschen sie sich zum Beispiel ein neues Spielzeug, erzeugen sie so viel Vorfreude, dass wir als Erwachsene dieses Signal wahrnehmen und das Spielzeug dann «manifestieren», indem wir es zum Beispiel kaufen.

Kommunikation

Sprache und Kommunikation sind hervorragende «Tools», die uns hier auf der Erde zum Austausch mit anderen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig ist die Kommunikationsebene sehr anfällig für Verwirrung und Missverständnisse. In der Kommunikation mit anderen haben wir oftmals Filter vorgeschaltet, durch welche wir die aufgenommenen Informationen interpretieren und aufgrund unserer Lebenserfahrungen beurteilen. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn wir versuchen, anderen Menschen unsere Glaubensvorstellungen und Konzepte überzustülpen. Wir neigen dann dazu, zu «dozieren» und andere überzeugen zu wollen, weil wir glauben, dass die für uns gültigen Wahrheiten Allgemeingültigkeit besitzen. Wir erschaffen dadurch jedoch nur Urteile, welche uns für einen wahren Austausch wenig dienlich sind. Nach aussen wirken wir vielleicht dogmatisch oder hinterlassen bei anderen den Eindruck, dass wir immer recht haben wollen.

Andere Menschen sind für uns wunderbare Spiegel, weil wir durch sie kontinuierlich wachsen uns unseren Horizont erweitern können. Indem wir uns geistig öffnen, erlauben wir ihnen uns Erkenntnisse zu vermitteln, die wir ohne diesen Austausch nicht hätten. Von Kindern können wir lernen, mit mehr Leichtigkeit, Unbeschwertheit und natürlicher Neugierde durch die Welt zu gehen. Es hilft uns ungemein, unsere Urteile abzubauen und unseren Drang, andere missionieren zu wollen, zu relativieren. Auch ist es ist völlig in Ordnung, wenn wir einmal keine Antwort auf eine Frage haben. Durch dieses Informations-«Loch» öffnen wir uns für die Möglichkeit neuer Informationsflüsse und Kontakte, was uns ungemein bereichern wird.

Neutralität

Neutralität ist ein herrlicher Zustand, welchen wir immer und jederzeit benutzen können, um unseren gerade übermächtigen Verstand in die zweite Reihe zu schicken. Wir wir gesehen haben, kann Gedankenenergie sehr schnell in den einseitig positiven oder negativen Pol abgleiten und dort verharren. Ist der Verstand überaktiv, sehen wir vielleicht nur noch Fehler und verzweifeln an fehlenden Lösungsmöglichkeiten. In unserer heutigen, schnelllebigen Zeit neigen wir dazu, zu viel an Informationen in einer zu kurzen Zeitspanne aufzunehmen, was für mehr und mehr Verwirrung sorgt. Wir verlieren dann den roten Faden in unserem Leben und richten uns nur noch nach der Meinung anderer. Dazu gesellen sich übernommene, belastende Glaubensstrukturen, durch die wir uns zunehmend unfrei fühlen.

Die Verstandesebene kann uns dabei helfen, Dinge näher zu beleuchten, zu verstehen und durchzuspielen. Sollten wir jedoch das Gefühl bekommen, im Verstand festzuhängen, sollten wir den «neutralen Beobachter» einschalten. Dieser Observierer ist immer dann nützlich, wenn wir zum Beispiel mit Glaubenssätzen hadern. Wir können dann fragen: «Gilt diese Vorstellung für die gesamten Menschheit oder nur für diejenigen, die daran glauben?» Beurteilungen und Vorurteile, die wir mit uns herumtragen, können wir jederzeit hinterfragen und neutral betrachten, ob sie für uns überhaupt (noch) Gültigkeit besitzen.

Durch den neutrale Beobachter bietet sich uns eine gute Möglichkeit, Gedanken und Emotionen zu trennen. Aufgrund zunehmender Verwirrung im Verstand entsteht meist gleichzeitig auch das Gefühl von Hilflosigkeit, Verzweiflung und Deprimiertheit. Mit Hilfe des neutralen Beobachters können wir unsere Froschperspektive verlassen und uns unsere Situation von «oben» anschauen. Wir beobachten uns dabei quasi selbst und werden sehr schnell erkennen, wer da mit wem oder was «spielt». Ebenfalls als sehr hilfreich hat es sich erwiesen, den Beobachter hinter den Horizont zu schicken. Wir simulieren damit eine Situation, in welcher ein bestehendes Problem bereits gelöst wurde und schauen dabei perspektivisch in die Ferne, um zu sehen, was danach kommt. Wir können sogar noch einen Schritt weitergehen und in der Zukunft einen «Punkt» setzen, der sich dann verwirklichen soll.

Ausblick

Wir wir gesehen haben, ist unser Verstand ein guter Diener, aber ein schlechter Herr. Deshalb sollten wir regelmässig unsere Gedanken beobachten und unsere Glaubensstrukturen hinterfragen, inwieweit sie uns wirklich dienlich sind oder ob sie uns belasten und uns den Alltag erschweren. Die nachfolgenden Fragen und Anregungen darfst du gerne benutzen, um über deine Gedanken zu reflektieren.

  • Traust du dich, negativ zu denken und konstruktiv Kritik zu üben?
  • Traust du dich, «gross» zu denken und Visionen zu entwickeln?
  • Unterstützen dich deine Gedanken dabei, im Leben vertrauensvoll voranzuschreiten?
  • Helfen dir deine Gedanken, Stabilität in dein Leben zu bringen?
  • Lässt du Liebe in deine Worte mit einfliessen, so dass sie andere Menschen erreichen und im Inneren berühren?
  • Gönne dir von Zeit zu Zeit einen Phantasie-Urlaub, in dem du dienen Gedanken einfach kommen und gehen lässt.
  • Alles was du hörst, ist eine Meinung
  • Alles was du siehst, ist eine Perspektive


Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

Francis Picabia

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